Unsere Tage zählen

Als ich im Buchhandel arbeite, veranstaltete unser Laden eine Lesung mit  Henning Scherf, dem ehemaligen Bürgermeister  von Bremen.  Er sprach über seine Bücher, die sich mit dem Thema beschäftigen, wie wir altern wollen. Damals näherte ich mich meinen Vierzigern und die richtige Weise das Alter zu leben, gehörte nicht unbedingt zu der Frage, die ich mir täglich stellte. 

Jemand aus dem Publikum wollte von Scherf wissen, ab wann man sich um das eigene Alter kümmern sollte. Scherfs Antwort hat mich ziemlich aufgerüttelt. Er sagte, in der mittleren Lebensphase sei der Moment gekommen, sich damit zu auseinanderzusetzen.

Die mittlere Lebensphase ab 50, das erschien mir sehr früh. Nur noch zehn Jahre und ich sollte  beginnen, den letzten Lebensabschnitt zu planen?  Der Gedanke an Ruhestand,  allein die Vorstellung vom Altwerden lagen mir fern. Ich sah mich im Saal um. Ich war mit Abstand der Jüngste. Die anderen Teilnehmer gehörten nicht mehr der mittleren Lebensphase an. Sie waren 60, eher 70 und älter. Wenn Scherf mich mit seiner Antwort herausgefordert hatte, wie musste es ihnen gegangen sein? Ich kann mir vorstellen, dass er seine Zuhörerinnen und Zuhörer  provozieren wollte. „Wenn ihr das jetzt fragt, seid ihr spät dran“, das impliziert seine Antwort.

Für sich sorgen, für sich selbst vor-sorgen, damit hat, wie es scheint die Generation der Kriegskinder, der Scherf und seine Zuhörer angehörten, ihre Not. Eine Dame über 80 äußerte  entrüstet, dass sie überhaupt nicht damit gerechnet hätte,  jemals so alt zu werden. In Form multipler und zunehmender Alterserkrankungen brach das Unerwartete über sie herein. 

Unsere Tage zählen, lehre uns, heißt es in Psalm 90. Dann gewinnen wir ein weises Herz. Offenbar hat es schon vor über 2500 Jahren Menschen gegeben, die ihre Gegenwart ausdehnten und weder an Zukunft noch Vergangenheit dachten.

Es greift gewiss zu kurz, der Generation der Kriegskinder einen Mangel an biblischer Weitsicht vorzuwerfen; die Vergangenheit war für sie ein Ort, den sie nicht aufsuchen durften, die Zukunft hatte den Zweck,  Verlorenes wieder zurückzuholen – und das wirtschaftliche Wunder gelang ja auch. „Generation Schaffer“, lautet die lakonische Selbstbezeichnung  einer Seniorin.  Da bleibt wenig Platz für Weitsicht; Psalmenweisheiten  muss man sich auch leisten können wollen. 

Für mich indes sieht es anders aus, weil meine Voraussetzungen andere sind. Ich musste nicht durch Trümmer meinen Schulweg nehmen, wie mein Vater es tat. Dass die Generation meiner Eltern, die Kriegskinder mit dem Für-Selbst-Sorgen ihre Not hat und in vielen Fällen schlicht die Bereitschaft dazu fehlt, ich glaube, das muss man einfach akzeptieren. Meine Generation wird vermutlich anders alt werden. Aber – wie gesagt – die Voraussetzungen sind auch andere.

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