Best Ager rundumsaniert

Dieses Jahr bin ich 56 geworden.

Ich erinnere mich,  dass ich, als ich vierzig wurde,  meinen Geburtstag partout nicht feiern wollte. Mit vierzig verabschiedet man sich  von den Möglichkeiten. Es wird endgültig Reife erwartet.  Die Vierzig ärgerte mich. Es ärgerte mich, dass da nichts  war, wogegen ich mich hätte empören können. Und endlich ärgerte ich mich über meine unreife Bockigkeit. Um mich zu besänftigen, bildete ich mir ein, dass man mir wie Bilbo Beutlin mein Alter nicht ansehe.

Doch kürzlich sah ich mein Gesicht auf einem Pressefoto. „So siehst du also aus. So sehen dich die anderen.“ Ich bin kein Ringträger. Ich bin 56, und ich sehe es mir an. Die anderen sehen es schon lange. Meine Konturen werden breiig. Ein weiches Profil ist der Anfang des Alterns, wenn sich das eigene Bindegewebe der Kontrolle entzieht. Die Herausforderung des Älterwerdens ist, dass es Einverständnis verlangt. Einverständnis, dass sich die Dinge sichtbar an einem verändern. Abraham Lincoln stellte fest, dass man ab vierzig für sein Gesicht selbst verantwortlich sei. Ab vierzig glättet sich eine übelgelaunte Mine nicht mehr von selbst, sondern ab jetzt gräbt sie sich ein. Gelegentlich nehme ich den Kampf gegen das Bindegewebe auf, gegen seine freche Erschlaffung. Ich sitze im Auto und mache diese Anti-Doppelkinn-Übungen, bei denen man effektive Grimassen schneidet, damit die Kieferkontur wieder jugendlich hervortritt; irgendwann passiert es, dass ein anderer Autofahrer, der mich bei meinen Bemühungen beobachtet, von der Fahrbahn abkommt. 

Abraham Lincoln hatte recht. Wenn sich die Konturen einebnen, wenn der Blutdruck seine Stabilität verliert, fordert einen das heraus, sich zu kümmern. Nur was bedeutet das? Selbstoptimierung unter den Mittelalten, jenen 50-ist-das-neue-30-Midlife-Crisis-Männern ist gegenwärtig en vogue. Ein seltsames Gebaren jener, die für Haus, Auto, Boot nicht oder nicht mehr empfänglich sind, sondern sich neu (oder erstmalig) „in den eigenen, rundumsanierten Körper verknallt“ haben (Tanja Rest, Pump up the Volume, SZ 23.06.2023).  Wo lande ich denn, wenn ich das Älterwerden zur Optionalität degradiere?  Das Leere, Dorian-Grayhafte daran springt einem ins Auge und zwingt einen,  fest, wirklich fest die Augen vor der Aufgabe zu schließen, die das Älterwerden einem stellt. Es zeigt einem zum ersten Mal unmissverständlich, dass das Leben ein  Work-in-Progress ist. Es gibt  nur die Wirklichkeit des Werdens. Eines Werdens, das sich Kontrolle, Plan und Selbstoptimierung entzieht. Der narzistoide Protest dagegen hat nichts lächerliches, eher etwas traurig-skuriles, weil man doch spürt, wie wenig er austrägt und man trotzdem aufbegehrt.

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