Ideologie ist der Tod der Poesie

Krieg der Welten

Am 12. Februar 1949 sendete die Rundfunkstation Quito eine ecuadorianische Fassung des Hörspiels „Der Krieg der Welten“ nach dem Buch von H.G. Wells. Die Wirkung des Hörspiels war ungeheuer: Die Zuhörer gerieten zunächst in Panik und darauf, als sie des fiktionalen Charakters des Stücks gewahr wurden, in solch große Wut, dass sie die Rundfunkstation stürmten und es sogar zu Todesopfern kam. Die Produzenten der ecuadorianischen Fassung hielten es nämlich für einen prächtigen dramaturgischen Kniff, das spanische Wort für „Marsianer“ ähnlich klingen zu lassen wie das Wort „Marxisten“. Für diesen politischen Sarkasmus hatten die zu Tode erschrockenen Zuhörer nicht das geringste Verständnis – im Gegenteil.

Diese Episode zeigt zweierlei: Die mächtige Wirkung des Erzählens. Und deren Grenze, die Verwischung zur Ideologie. Alles Erzählen ist Deutung. Es bleibt immer hinter der Grenze zur Wirklichkeit zurück. Doch innerhalb dieser Grenze entfaltet das Erzählen eine Kraft, die ebenso ursprünglich ist wie der erste Gesang, das erste Bild, das erste Gebet. Das Geschichtenerzählen ist – und das ist tatsächlich ein wirklicher Fakt – zutiefst menschlich.

„Ideologie ist der Tod der Poesie“

Dieser Aspekt des Menschlichen wurde 1949 in Quito ignoriert. Die ecuadorianische Fassung „Der Krieg der Welten“ war für deren Macher ein politisches Instrument. Zwischen den Marsianern und den Marxisten gibt es keinen Unterschied: Erst entziehen sie der menschlichen Rasse das Leben, dann speien sie uns aus. Propaganda ist immer eine Veruntreuung der Kraft. Die kraftvolle, beeindruckende Erzählung H.G. Wells wurde in einen Propaganda-Narrativ verkehrt. Mit dem bizarren Resultat, dass die Radiostation am Ende in Flammen aufging. „Ideologie ist der Tod der Poesie“, stellt der koreanische Dichter Ko Un lakonisch fest. Das ist unmissverständlich, geradezu apriorisch.

Doch wen hätte ein Apriorismus je davon abgehalten, ihn nicht herauszufordern? Wladimir Putins Russland entnazifiziert und befreit (aufs Neue) die Ukraine. Und dass diese abstruse Erzählung auch noch verfängt, dass sie für real gehalten wird, ist unfassbar.

Die Poesie der Freundschaft

Auf welches Narrativ wird er zurückgreifen, wenn er Polen, Rumänien oder das Baltikum angreift? Und weshalb verfängt die Entnazifizierungslegende und nicht die Tatsache, dass wir Mittel-, West- und Osteuropäer keine Feinde sind? Wie groß muss die Anzahl der Toten werden, damit man in Russland sieht, wie Putin die Menschlichkeit missbraucht? Die Ideologie versucht (aufs Neue) die Poesie zu töten.

Aber die Poesie kann sich wehren. Vielleicht nicht als Dichtkunst, nicht als Kunstform, sondern in noch grundsätzlicherer Gestalt: Als Poesie der Freundschaft.

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