Das Dazwischen

Bevor Musiker mit dem Spiel beginnen, stimmen sie ihr Instrument. Ein Cellist stimmt die Saiten. Es ist ein Augenblick entspannter Konzentration. Während er sein Cello stimmt, sammelt er sich und bereitet sich gleichzeitig vor, durchlässig zu werden für Klang und Spiel. Das Stimmen hat eine technische Seite, das Stimmen der Saiten. Aber gleichermaßen versetzt sich der Musiker dadurch auch in die richtige Stimmung, um zu spielen. Es ist ein schöpferisches Übergangsritual.

Als Schriftsteller muss ich auch in der richtigen Verfassung sein, um zu schreiben. Ich muss mich einstimmen. Ich schreibe gerne, wenn ich unterwegs bin oder in einem Café sitze. Diese Uferperspektive, also wenn das Leben an mir vorbeifließt, während ich meine Gedanken schweifen lasse, lässt mich kreativ werden.

Ich kann nicht sagen, warum das so ist; es hat etwas mit Bewegung und Ruhe zu tun und dem, was sich dazwischen ereignet. In dieser Dazwischen-Verfassung kann ich schreiben.

Dieses Dazwischen ist genauso nötig, wenn es ums Lesen geht. Vielleicht ist das der Grund, warum die Jüngeren immer weniger lesen. Weil es zu viele Ablenkungen gibt und dieser Augenblick entspannter Konzentration immer seltener eintreten kann. Ray Bradbury hat in Fahrenheit 451 (das grandioseste Buch über das Lesen, das je geschrieben wurde) aus der Ablenkung eine Methode gemacht. Statt Bücherregale bedecken Bildschirme die Zimmerwände, die unablässig Illusionen und Geschwätz produzieren. Diese dauernde Ablenkung hat den Zweck, die Bürger vom Lesen abzuhalten, indem alles Dazwischen zunichte gemacht wird.

Aber was bleibt von Menschen übrig, denen dieser Ort unbekannt bleibt? Die keine Kreativität kennen? Sie sind sich selbst zutiefst fremd. Sie können sich auf nichts einstimmen, am wenigsten auf sich selbst. Sie zerfallen in zahllose Bilder, bleiben aber ohne Antlitz.

Ob Musizieren, Schreiben, Lesen, was auch immer, das Dazwischen ist kein anderer, exklusiver Ort. Es ist im Gegenteil ein zutiefst vertrauter, existentieller Ort.

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