Warum es im Mittelalter doch nicht so dunkel gewesen ist

Gedankenblitzblog XIV – 6. – 15. Jhd. n.C.

Gemeinhin bezeichnen wir das Mittelalter als dunkle Epoche. Es ist in etwa die Zeit nach Boethius bzw. der Spätantike und der Epoche der Wiedergeburt der Antike, der „Renaissance“ – also grob neun Jahrhunderte.

 

Aber aus drei Gründen kann man das Mittelalter nicht rundheraus als finster bezeichnen.

1. Das Licht des Ostens

Im christlichen Abendland brannten tatsächlich nicht allzu viele Lichter. Im Morgenland jedoch, derjenigen Region, die vom Islam eingenommen wurde, ging es geistig ausgesprochen rege zu. Islamisch-jüdische Denker wie Ibn Sina (Avicenna), Ibn Ruschd(Averroes) oder Ben Maimon (Maimonides) erweiterten die Kenntnisse um Mathematik, Philosophie und Medizin ( Averroes und Maimonides gehören streng genommen nicht in den Osten, sondern in den „islamischen Westen“, da sie beide aus dem Kalifat Cordoba stammen). Ein gutes Beispiel für den Einfluss des Islams auf uns sind die indisch-arabischen Ziffern, die wir heute verwenden. Im Abendland gingen viele Bücher antiker Philosophen verloren. Im Osten aber, sowohl durch die Kultur des Islams, aber auch durch den Einfluss christlicher Reiche dort blieb viel vom Erbe der Griechen und Römer erhalten.

Wenn wir heute also den Nahen und Mittleren Osten als kultur- und lebensfeindliches Areal betrachten, in dem religiöser Fanatismus, Despotismus und permanenter Kriegszustand herrschen, dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass die Verhältnisse vor einigen Jahrhunderten umgekehrt waren.

2. Trübe Lichtverhältnisse im Abendland

Das Christentum spielt eine zwiespältige – oder um im Bild zu bleiben – zwielichtige Rolle im Mittelalter. Im Laufe der Jahrhunderte etablierte es sich zur führenden Religion in Europa, abgesehen von einem Teil der iberischen Halbinsel, die von islamischen Reichen beherrscht wurden (s.o.). Die römisch-katholische Kirche dominierte Glauben und Denken derart, dass ein freier Blick für Kunst, Wissenschaft und Philosophie kaum möglich war. Andererseits war das Christentum und vor allem die Klöster der Ort der Bewahrung und geistigen Erneuerung. Die Erzählung „Der Name der Rose“ von Umberto Eco gibt auf großartige Weise die geistige Stimmung jener Zeit wieder.

3. Die Mitte der Nacht …

ist der Anfang des Tages. Es wäre ziemlich begrenzt, das abendländische Mittelalter ausschließlich als eine Epoche von Pest und Aberglauben, Christentum und Kreuzzüge zu betrachten. Kultur und Denken kamen keineswegs zum Stillstand – im Gegenteil: Die Kirchen, Dome und Kathedralen des Mittelalters strahlen noch heute eine immense Kraft aus. Es entstanden die ersten UniversitätenEuropas: Bologna, Paris, Oxford, Neapel, Prag, Krakau, Heidelberg … Viele der mittelalterlichen Philosophen wirkten dort: Thomas von Aquin studierte in Neapel, Albertus Magnus lehrte in Paris, Wilhelm von Ockham in Oxford (übrigens war der oben genannte Umberto Eco Professor an der Universität von Bologna). Das, was an diesen Orten und durch diese Gelehrte geschaffen wurde, war die Voraussetzung für unser Denken in Europa heute. Um einige Beispiele zu nennen: Der englische Theologe und Philosoph John Wycliff (1330-1384), ein Vordenker der Reformation, wirkte in Oxford. Mittelalterliche Philosophinnen und Philosophen der mystischen Schule wie z.B. Meister Eckhart (1260-1328) werden auch heute noch aufgegriffen.

Nein, lichtdurchflutet war das Mittelalter in keinem Fall. Aber die Vorstellung, dass 900 Jahre Dunkelheit herrschte und dann einer das Licht des aufgeklärten Geistes anknipste, ist nicht richtig.

  • In der muslimischen Kultur blühten Kunst, Philosophie und Wissenschaft.

  • Das Christentum behinderte, aber es beförderte auch die Geistesgeschichte in Europa.

  • Die mittelalterlichen Universitäten, Gelehrten und Philosophen legten die Grundlage dessen, was wir heute unsere westliche-abendländische Kultur bezeichnen.

 

Veröffentlicht von

uwemetz

uwemetz

Geboren 1968 in Gießen, aufgewachsen in Wetzlar/ Lahn. Nach einer Buchhändlehre in Gießen studierte ich ev. Theologie in Oberursel und Erlangen. Ich arbeitete einige Jahre im Gemeindedienst und kehrte 2006 in meinen ursprünglichen Beruf zurück. Ich lebe mit meiner Frau in der Nähe von Stuttgart und bin heute in einem Verlag tätig.

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