Vier Kontinente

Vier Kontinente in einer S-Bahn

Zwischenruf: 2018 n.C. 

Es ist so ein kleines Hobby: Ich sitze in der S-Bahn  und überlege, woher meine Mitfahrer kommen und welche Sprache sie sprechen. Eine rothaarige Frau spricht Russisch mit ihrem Kind. Zwei Männer mit kräftigen, herben Gesichtszügen unterhalten sich in einer Sprache, die Arabisch sein könnte. Aber wie Araber sehen sie nicht aus, vielleicht sind es Maghrebiner. Ein kleiner, adrett angezogener Inder geht über den Gang zur Ausgangstür. Ich zähle drei, manchmal vier Kontinente in meinem S-Bahn-Wagen.

Ich schreibe meinen Philosophie-Blog, weil ich die Vielfalt der Gedanken liebe und unbedingt davon überzeugt bin, dass es sich lohnt, sie kennen zu lernen. Auch wenn es nur ein grobes, bruchstückhaftes Kennenlernen ist, setzt diese Kenntnis doch eigene Gedanken frei und schärft sie. Der fremde Reichtum, an den ich anknüpfen darf, macht mich auf dankbare Weise demütig (Demut ist kein niedriges Wort, sondern bezeichnet echten Realismus).

Gelegentlich stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn man meine S-Bahnfahrten von den fremden Sprachen befreit hätte. Wenn sich der Nationalismus hierzulande (wieder) durchgesetzt hätte. Dann reihte ich mich unter die hellhäutigen Gesichter ernster, selbstversunkener Menschen. Wir heben den Blick nicht. Wir kennen nichts außer den eigenen, täglichen Weg. Was also soll das sein?  Ein Ziel? Eine Heimat-Vision? Vier Kontinente in einer S-Bahn auf ein Land gereinigt? Ich weiß es nicht. Und ich weiß nicht, wenn das zu zufriedenstellen kann. Wenn man erst die einen aus der Bahn wirft, wer ist dann der nächste?

Vielleicht ist das nicht Arabisch. Und vielleicht sind das keine Maghrebiner. Vielleicht sind sie aus Abchasien oder es sind Tscherkessen. Oder Georgier. Wie klingt Georgisch? Mein kaukasischer Horizont ist sehr begrenzt. Einer der beiden Männer schaut mich an. Er sieht mich, wie ich überlege. Und wir lächeln.

Man muss nicht warten, bis sich der Nationalismus durchgesetzt hat. Wir haben die Wahl.

Veröffentlicht von

uwemetz

uwemetz

Geboren 1968 in Gießen, aufgewachsen in Wetzlar/ Lahn. Nach einer Buchhändlehre in Gießen studierte ich ev. Theologie in Oberursel und Erlangen. Ich arbeitete einige Jahre im Gemeindedienst und kehrte 2006 in meinen ursprünglichen Beruf zurück. Ich lebe mit meiner Frau in der Nähe von Stuttgart und bin heute in einem Verlag tätig.

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