Sokrates oder Humor kann tödlich sein

Sokrates

Gedankenblitzblog VI: 400 v.C.

Stellen Sie sich vor, Sie spazierten durch das alte Athen. Es ist Abend, die Straßen sind voller Menschen. Die meisten streben in Richtung Marktplatz, der Agora. Dort wird gehandelt, geredet, gezankt, gebetet, gewürfelt, geboxt (eine sehr geschätzte Sportart damals), gerichtet, gegessen, gerülpst. Kurzum, fast alles in Athen findet auf der Agora statt. Sie sehen einen Mann, der in ein lebhaftes Gespräch mit ein paar anderen verwickelt ist. Der Mann ist gedrungen und untersetzt, trägt Bart und hat eine Glatze. Der Bart macht sein flaches Gesicht noch voller. Er ist kräftig, beinahe plump. Wohl ein Handwerker, der mit Kunden verhandelt oder mit Kollegen fachsimpelt. Sie treten näher, um zuzuhören – was keinen sonderlich stört. Es wird laut diskutiert, zitiert und gestikuliert. Ein Geschäftsgespräch ist das nicht und auch keine Fachsimpelei. Die Umstehenden stellen dem plumpen Mann Fragen, aber meistens fragt er die anderen. Sie stehen vor Sokrates von Athen, von dem das Delphische Orakel sagte, er sei unter den Weisen der Weiseste.

Möglicherweise war Sokrates Analphabet. Zumindest haben wir nichts Schriftliches, das von ihm selbst verfasst wurde. Seine Schüler Xenophon und Platon ließen ihn in ihren Werken sprechen und überlieferten so seine Gedanken. Sokrates war kein Lehrer oder Dichter, sondern gelernte Steinmetz oder Bildhauer. Was beweist, dass das Wissen bei den sogenannten einfachen Leuten ebenso zu Hause ist wie bei denen, die sich zur sogenannten Elite zählen. Mit der war es zur Zeit des Sokrates sowieso nicht sonderlich weit her. Das mächtige Athen, die erste europäische Demokratie befand sich in einem politischen und geistlichen Niedergang. Es verlor an Einfluss, die inneren Verhältnisse waren von Unsicherheit geprägt. Sokrates schien diese Unsicherheit auf die Spitze treiben zu wollen. Statt sich um den Lebensunterhalt seiner Familie zu kümmern, lief er umher und verwickelte er die Athener Bürger in Gespräche, stellte ihnen Fragen und zeigte auf, wie vordergründig und ungeprüft ihre Behauptungen waren und auf welch brüchigem Boden ihre Meinungen standen.

Seine Frau Xanthippe hätte es vorgezogen, wenn er seinen Mitmenschen weniger auf die Nerven, sondern seinem Tagwerk nachgegangen wäre. Nicht weil sie ihm nicht zugetan gewesen wäre, sondern weil sie nicht wusste, wie sie die Familie versorgen konnte. Sie hielt das philosophische Treiben ihres Gatten für unverantwortlichen Müßiggang und zankte ihn deswegen oft aus. Auf viele andere jedoch, vor allem auf die jungen Männer der Stadt übte der Sokrates immense Anziehungskraft aus. Sie spürten, dass es ihm nicht darum ging, seine Gesprächspartner vorzuführen, sondern sie auf der Suche nach Wahrheit weiterzubringen (bzw. zu entlarven, um was es ihnen eigentlich ging). Das Gespräch, der „Dialog„, also das gegenseitige Abwägen von Für und Wider war die Methode, wie er die Wahrheit aus Schein und Meinungen herausfand.

Kein Frontalunterricht

Sokrates lehrte im Gespräch, das heißt auf eine ganz andere Weise, wie es heutzutage in Schule oder Universität geschieht. Diese Form des Unterrichts war in der gesamten Antike üblich. Jesus oder Buddha unterwiesen ihre Nachfolger ebenfalls, indem sie sich auf ihre Fragen einließen oder Fragen stellten. Es war eine sehr effektive Unterrichtsform, die allerdings Einfühlungsvermögen, Gewandtheit und viel Zeit verlangt. Weswegen man heute lieber auf den Vortrag zurückgreift. Der kommt zwar nicht immer zum Ziel, ist aber in einer Dreiviertelstunde zu bewältigen.

Das Gute ist das Wahre und jeder weiß das

Was ist für Sokrates die Wahrheit, nach der er so sehr strebt? Das Wahrheitsgemäße ist für ihn das Gute, das heißt vor allem das gute Handeln. Man wird einwenden, dass diese Auffassung ein wenig schwammig ist. Denn – sagen wir – ein Manager in der Automobilbranche hält es für ausgesprochen gut, sich möglichst viel unter den Nagel zu reißen und sich um die Folgen seines Handelns nicht zu scheren, sagen wir eine nationale Branchenkrise. Für Sokrates ist das Gute durchaus nicht willkürlich. Jeder Mensch hat einen Eindruck davon in sich und dieser Eindruck ist das, was uns miteinander verbindet. Das Gewissen belegt, dass es solch eine Ur-Prägung gibt. Diese Wahrheit unter allem Fadenscheinigen, Willkürlichem, Beliebigen und Vordergründigen hervorzubringen, das war die Aufgabe, die sich Sokrates Zeit seines Lebens stellte. Das Gute, die Wahrheit, das Vollkommene usw. fasste er unter dem Begriff zusammen, den er von Heraklit übernommen hatte, dem Logos.

Man lernt nicht, man erinnert sich

Weil Sokrates davon ausging, dass jedem dieser Logos eingeprägt ist, bedeutete Lernen für ihn daher nicht, jemandem etwas beizubringen, das er noch nicht kennt. Lernen bedeutete für ihn, an die Wahrheit in uns gleichsam zu erinnern. Hebammenkunst nannte er seine Vorhergehensweise (seine Mutter war Hebamme). Denn wie eine Hebamme einem Menschen hilft, auf die Welt zu kommen, half er der Wahrheit ans Licht. Ein wichtiges Mittel des Lernens war für ihn neben dem Gespräch die Ironie. Er war sozusagen ein Vertreter des lustigen Unterrichtes, indem er eine Frage oder eine Behauptung verzerrte und überzog, in der Absicht, seinen Gesprächspartner herauszufordern und ihn die Vordergründig eines Gedankens selbst erkennen zu lassen. So sagte er über sich selbst „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Er hatte keine Angst, sich selbst in Frage zu stellen, über sich nachzudenken und sich zu prüfen. Er empfand ein Leben ohne Selbstprüfung als vergeblich und sinnlos.

Sokrates starb an Humor

Viele junge Leute waren von dem vierschrötigen Mann beeindruckt und begeistert. Neben dem Historiker und Politker Xenophon war Platon sein bedeutendster Schüler.  Aber für viele andere war Sokrates ein rotes Tuch. Er kritisierte nicht, sondern viel schlimmer, er stellte in Frage. Er hinterfragte die Meinungen und Verhältnisse. Ein großer Teil der einflussreichen Bürger Athens empfanden die Aufforderung zur Selbstprüfung als höchst unangenehm. Doch nicht nur weil sie die Fragerei des Philosophen für eine Zumutung hielten, wurden sie zu seinen Gegnern, sondern auch, weil sie merkten, dass die Aufrichtigkeit, die Sokrates forderte, ihre gesellschaftliche Machtposition ins Wanken brachte. So strengten seine Gegner einen Prozess gegen ihn an. Unter allerlei Anschuldigungen, etwa dass er die Jugend der Athens verführte oder den Göttern keinen Respekt entgegenbrachte, verurteilte man ihn. Dieses Urteil hatte wohl den Sinn, ihm die Grenzen seines Eigensinns vor Augen zu führen und ihn zu warnen. Doch als Sokrates in der ihm ureigenen Art die Sache auf die Spitze trieb und in seiner Verteidigungsrede nicht nur Freispruch, sondern sogar eine Belohnung für sein Bemühen um Athen verdient habe, brachte er die Bürger der Stadt so sehr gegen sich auf, dass sie ihn kurzerhand zum Tode verurteilten. Nicht jede ironische Bemerkung stößt auf den entsprechenden Sinn für Humor.

Die Freunde des Sokrates schlugen ihm vor, die Stadt zu verlassen und so dem Urteil zu entgehen. Aber Sokrates weigerte sich. Er unterwarf sich dem Gesetz, unterstellte seinen Anklägern aber, dass sie es in boshafter Weise ausnutzten. Er selbst fürchtete eher, seinem Gewissen nicht gehorcht zu haben, als sterben zu müssen. Er nahm den Giftbecher entgegen und lehrte ihn. Sein Freund Platon berichtet über die letzten Stunden des Sokrates und seinen gelassenen Weg in den Tod.

Die große Wirkung, die Sokrates entfaltete, hatte seinen Grund nicht zuletzt durch die Art, wie er starb. Philosophie bedeutete für ihn, sich treu zu bleiben und sich selbst zu erkennen. Philosophie war keine intellektuelle Turnübung oder ein Meiden des oft so groben und fad  schmeckenden Lebens. Sie war im besten Sinne des Wortes Seelsorge. In dieser Weise trat er seinem Ankläger gegenüber:

Bester der Männer, du, ein Bürger Athens, der größten und an Weisheit und Stärke berühmtesten Stadt.Du schämst dich nicht, dich um große Schätze zu sorgen, um sie in großer Menge zu besitzen,auch um Ruf und Geltung.Dagegen um Einsicht und Wahrheit und um deine Seele,dass sie so gut werde möglich,darum sorgst und besinnst du dich nicht

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Platon, Apologie des Sokrates

Veröffentlicht von

uwemetz

uwemetz

Geboren 1968 in Gießen, aufgewachsen in Wetzlar/ Lahn. Nach einer Buchhändlehre in Gießen studierte ich ev. Theologie in Oberursel und Erlangen. Ich arbeitete einige Jahre im Gemeindedienst und kehrte 2006 in meinen ursprünglichen Beruf zurück. Ich lebe mit meiner Frau in der Nähe von Stuttgart und bin heute in einem Verlag tätig.

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