Die Skepsis

Die Skepsis oder warum die Zweifler irren

Gedankenblitzblog V: 300 v.C.

Was verstehen wir unter einem Skeptiker? Er ist ein Zweifler, ein kritischer Geist, einer, der widerspricht, eine sich seine eigene Meinung bildet und sich nicht dem ersten Anschein hingibt. Kurz: Ein aufgeklärter Mensch mit eigenem Urteil. Aber im ursprünglichen Sinn ist dies nicht mit „skeptisch“ gemeint.

 

Der Zweifel an der Skepsis

Ein solcher Mensch ist sogar das Gegenteil eines Skeptikers. Der nämlich ist einer, der gänzlich auf alles Urteilen verzichtet, jemand, der verstanden hat, dass die eigenen Ansichten immer Beschränkungen unterliegen und er kaum mehr erkennt als jeder andere. Der Unterschied zwischen einem Skeptiker im ursprünglichen Sinn und einem modernen ist, dass der antike mit der Unvollkommenheit seines Urteils rechnete.

Die skeptische Lebensschule

Das griechische Wort Skepsis bedeutet „umherschauen“ im Sinne von prüfen. Es bedeutet nicht in erster Linie „anzweifeln“, denn alles zu bezweifeln hielte ein Skeptiker für ebenso törricht wie alles zu befürworten. Im Grunde ist die antike Skepsis mehr als eine Lehre. Sie ist eine Lebensschule. Der skeptische Philosoph Sextus Empiricus sagte, dass man durch Einübung, das eigene Urteil zurückzuhalten, ja, ganz darauf zu verzichten, schließlich Gelassenheit und innere Ruhe erlangen könne. Das beste Vorbild für diese Einstellung ist der Philosoph Pyrrhon, der als erster Skeptiker gilt.

Pyrrhon (um 362-270–275 v.C.) stammte aus Elis in Nordgriechenland. Er kam in seinem Leben weit herum. Bis nach Indien soll er gelangt sein zu den Gymnosophisten, den nackten Weisen, also den Vorfahren der heutigen Saddhus. Sicher ist, dass er sich den Kriegszügen Alexanders des Großen anschloss, jenem Herrscher, der so wenig unter Selbstzweifel litt wie irgendein Mensch auf dieser Welt; man muss Alexander allerdings zu Gute halten, dass man ihm von Kindesbeinen an eingetrichtert hatte, von göttlicher Herkunft zu sein, ein Nachkomme des Zeus. Solche Erziehung bleibt nicht folgenlos und so überzog Alexander Ägypten, den Nahen Osten und Persien mit Krieg und Grausamkeit, wofür man ihn heute den Großen nennt. Pyrrhon nun blieb angesichts der unmäßigen Gewalt, die er während der Feldzüge erlebte, von unerschütterlichem Gleichmut. Macht, Herrschaft, Untergang, Krieg, Grauen und Elend ließen ihn unberührt. Nicht aus Mangel an Anteilnahme, sondern weil er sich allen Urteilens völlig enthielt.

Jede Wahrheit (und damit auch alles, was in ihrem Namen geschieht) lässt sich, so Pyrrhon, bestreiten und selbst göttlicher Wahrheitsanspruch erweist sich bei näherer Prüfung als nicht haltbar. Damit ist nicht gesagt, dass es keine Wahrheit gibt. Die Skepsis behauptet lediglich, dass wir sie weder erkennen und erst recht nicht beanspruchen können. Glückseligkeit erreiche derjenige, der sich in diese Lebenshaltung des Urteilverzichtens füge und jeden Anspruch auf Erkenntnis von Wahrheit fallen ließe. Warum es also nicht einmal mit der Skepsis im ursprünglichen Sinn versuchen? Meinungsfreiheit bedeutet doch nicht nur, die eigenen Ansichten zum Ausgangspunkt zu nehmen. Sondern es bedeutet ebenso, darauf zu verzichten und sich von der Last zu befreien, ständig ein Urteil bilden zu müssen.

 

Dogmatismus ist ein Fehler des Charakters.

Pyrrhon von Elis

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uwemetz

uwemetz

Geboren 1968 in Gießen, aufgewachsen in Wetzlar/ Lahn. Nach einer Buchhändlehre in Gießen studierte ich ev. Theologie in Oberursel und Erlangen. Ich arbeitete einige Jahre im Gemeindedienst und kehrte 2006 in meinen ursprünglichen Beruf zurück. Ich lebe mit meiner Frau in der Nähe von Stuttgart und bin heute in einem Verlag tätig.

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