Plotin

Plotin  oder durch Ekstase ins Licht

Gedankenblitzblog XII – 3. Jahrhundert n.C. 

Wer war Plotin?

Die Epoche der Philosophie der Antike zu beschließen, ohne auf Plotin einzugehen, wäre nicht vollständig. Denn Plotin hatte auf viele ihm folgende Denker, nicht zuletzt christliche Philosophen und Theologen starken Einfluss und mit ihnen auch auf unser abendländisches Denken heute. Es ist kein einzigartiges Werk oder eine Schule, die Plotin hinterließ. Vielmehr ist er jemand, der geistesgeschichtlich eine bedeutende Weiche stellte. Das gelang ihm, weil seine Philosophie die gesamte Welt und das gesamte Dasein in einer Denkvorstellung

Seelenschau in die Weltseele

Platons Hauptgedanke bestand darin, dass der Mensch sich mittels seiner Vernunft die Welt der Schatten und Vorstellungen durchdringen konnte. Plotin verstand diesen Vorgang nicht nur geistig, sondern auch seelisch. Durch die sogenannte Seelenschau vermochte der Mensch eins mit dem Einen zu werden. Plotin entwickelte die Lehre von den drei Ebenen. Nach ihr ordnete er die Welt und das Dasein: Die höchste Ebene repräsentierte das Eine, Gute (bzw. Licht). Sie entspricht der Ideenwelt Platons. Aus dem Einen geht der Geist hervor, das ist die zweite Ebene und aus ihr wiederum entspringt die dritte, die sog. Weltseele. Diese verschiedenen Ebenen lassen sich mit Sonnenschein vergleichen, der durch einen Wald fällt. Das Licht wird zunehmend gedämpft. Aber auf seinem Weg bringt es Leben und Wachstum hervor. Die Weltseele oder Psyche ist im Menschen. Der Mensch ist eine Verbindung von Psyche und Materie, von Geist, Seele und Körper. Diese Dreiteilung, die zwar nicht auf Plotin selbst zurückgeht, aber für seine Philosophie entscheidend ist, hat bis heute ihre Gültigkeit; so hat sie beispielsweise der österreichische Psychiater und Therapeut Viktor Frankl in seine Lehre eingebaut.

Der Mensch ist Seele

Plotin entfaltete eine weitere, bis heute wesentliche Vorstellung unseres westlichen Denkens: Er unterschied zwischen Seele und Stofflichem bzw. Materie. Die Seele war für ihn das eigentlich Wichtige am Menschen. Die Materie hingegen war für ihn etwas schlechtes. So wie der Waldboden am weitesten entfernt war von der Sonne, so war die Materie am weitesten vom Einen (dem Licht) entfernt. Er drückte seine Auffassung folgendermaßen aus: Wenn das Eine das wahre Sein repräsentierte, so war das Stoffliche, Körperliche folgerichtig das Nicht-Seiende. Wer sich ganz an materiellen Dingen ausrichtet, ver-nichtet im wahrsten Sinn des Wortes sich selbst.

Nachdenken – Wahrnehmung – Ekstase

Wie konnte man nun das Nichtsein überwinden und zur Wirklichkeit dringen? Auf drei Weisen: Durch das Nachdenken, die Wahrnehmung und die sog. „Seelenschau“ oder „Ekstase“ (Ekstase bedeutet Aus-Sich-Heraustreten). Plotin schätzte die Ekstase, betonte aber, dass sie ihre Bedeutung nur durch die Veränderung gewinnt, die sie in einem Menschen bewirkt.

Wer wäre Plotin heute?

Würde sich Plotin heute äußern, hielten wir ihn für einen esoterischen Spinner. Plotin war ein radikaler Idealist und Anti-Materialist. Seine Philosophie verkörpert das Gegenteil von dem, wie wir heute denken. Plotins Vorstellungen aber deswegen für abstrus zu halten, würde ihm nicht gerecht. Es ist ja gerade deren Sinnfälligkeit, von der so große Wirkung ausging. Einer Sinnfälligkeit, der es uns, wenn wir ehrlich sind, mangelt.

Veröffentlicht von

uwemetz

uwemetz

Geboren 1968 in Gießen, aufgewachsen in Wetzlar/ Lahn. Nach einer Buchhändlehre in Gießen studierte ich ev. Theologie in Oberursel und Erlangen. Ich arbeitete einige Jahre im Gemeindedienst und kehrte 2006 in meinen ursprünglichen Beruf zurück. Ich lebe mit meiner Frau in der Nähe von Stuttgart und bin heute in einem Verlag tätig.

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