Epikur oder der Philosoph der Schrebergärtner

Epikur

Gedankenblitzblog VII: 300 v.C. 

Die ägäische Insel Samos galt in der Antike als ein so schöner Ort, dass man sie ‚die Blühende‘ nannte: Ein Garten, durchtränkt von Licht und Schönheit. Auf dieser Insel wurde der außergewöhnliche Philosoph Epikur geboren. Außergewöhnlich ist Epikur wegen des Themas, dass ihn beschäftigte. Außergewöhnlich ist er ferner, weil er gründlich missverstanden wurde.

Glückseligkeit

Das Thema, das ihn zeit seines Lebens bewegte, waren – naheliegend für jemanden, dessen Heimat Samos war – Genuss, Schönheit und die Lust. Epikur erhob den Genuss und das Vergnügen zum zentralen Gedanken seines philosophischen Gebäudes. Die Lust war für ihn Lebensantrieb und Quelle der Glückseligkeit.

Es lohnt sich, einen Moment bei Frage, was Glückseligkeit ist, zu verweilen: Glückseligkeit meint das, was uns erfüllt und vervollkommnet. Jeder Mensch sucht das Glück – oder dasjenige, das er für Glück erachtet. Kein Buch der Welt könnte sämtliche Ideen vom Glück fassen. Sokrates suchte das Glück in einem gerechten, guten, tugendhaften Leben, Pythagoras fand es, indem er sich in die Natur versenkte. Pyrrhon entdeckte dadurch Seelenruhe, dass er die Dinge urteilslos annahm. Dies sind drei philosophische Beispiele. Alles kann zur Quelle dessen werden, was man für Glück hält, ob erhaben oder banal. Ja, geradezu bizarre Maßnahmen werden ergriffen, um glücklich zu sein (die Entertainerin Barbara Streisand ließ ihren verstorbenen Hund klonen, weil sie sich ohne ihn unglücklich fühlte). Die Frage nach dem, was Glück bedeutet, führt zu Weisheit wie zu Idiotie. Epikurs Antwort wurde sowohl für das eine wie für das andere gehalten. Sein Lustprinzip leuchtete denen, die sich ihm anschlossen ein (den “Epikuräern“ oder „Hedonisten“). Für die anderen war es schändlich, oberflächlich, ja zutiefst verwerflich. Gerade letztere übersahen, dass Epikur durch die Beobachtung der Natur seine Gedanken hervorbrachten, also nicht Lust und Laune. Er hatte festgestellt, dass alles nach Wohlbefinden strebte und in Folge versuchte, Nachteil und Schmerz zu meiden. Wohlbefinden, Ausgeglichenheit, Harmonie sind geeignetere Begriffe, um auszudrücken, was Epikur unter Lust verstand. Er hatte eine vollständig irdische Sicht der Dinge und hielt sich deshalb in Glaubensfragen zurück. Die Götter waren für ihn zwar vorhanden, aber so fern, dass sie für das Leben der Menschen im Grunde keine Rolle spielten und sie deshalb weder der Verehrung bedürfen, noch man sich vor ihnen fürchten müsse. Aus diesem Grund hegten insbesondere christliche Denker keine Sympathie für Epikur. Und dass er Lust und Wohlbefinden in den Mittelpunkt stellte, brachte ihm einen gänzlich miserablen Ruf ein. Man glaubte, diese Art des Denkens sei Nährboden für Ausschweifungen und Wollust.

Die Lust am Leben

Das aber ist schlichtweg falsch. Von einer geistlosen Befriedigung und selbst bezogenen Vergnügungssucht hielt Epikur nämlich nichts. Lust war für ihn, wenn er ein gutes Gespräch führte, wenn er wusste, dass es seinen Freunden und seiner Familie gut ging. Gute Beziehungen, Wohlwollen, Güte – das bereitete ihm Vergnügen. Mit ellenbogiger Konsumismus von heute hat das nichts zu tun. Epikur überlieferte viele Sprüche und klar gefasste Lehrsätze, die seine Schüler auswendig lernten. Er verstand sich als verantwortungsvoller Lehrer und war  auch fürsorglicher Vater. Über den Kreis seiner Freunde und Angehörigen hinaus nahm er am öffentlichen Leben kaum teil. Mittlerweile lebte er in Athen und dort war eine solche Haltung ungewöhnlich. Doch Epikur glaubte, das Streben nach Ansehen und politischer Macht verführe den Menschen zum Schlechten. Er riet seinen Schülern, sich davon fernzuhalten und im Verborgenen zu leben. Und mit was sollten sie sich stattdessen beschäftigen? Sie sollten ein innerlich und äußerlich ausgewogenes Leben finden, indem sie einen Flecken Erde kultivierten, ihn in einen Garten verwandelten, um dort mit Freunden zu leben.

Der philosophische Schrebergärtner

Wer war  Epikur? Ein philosophischer Schrebergärtner? Der erste Hippie? Seine Lehre und seine Lebensweise galten als ausgesprochen exzentrisch, was sehr gegensätzliche Urteile herausforderte. Was man aber in jedem Fall von ihm lernen kann, Beziehung ernster zu nehmen als Pläne und das Leben selbst mehr zu genießen als die Vorstellung, was man vielleicht daraus machen könnte.

Von allen Geschenken, die uns das Schicksal gewährt,
gibt es kein größeres Gut als die Freundschaft –
keinen größeren Reichtum,
keine größere Freude.
Epikur

Veröffentlicht von

uwemetz

uwemetz

Geboren 1968 in Gießen, aufgewachsen in Wetzlar/ Lahn. Nach einer Buchhändlehre in Gießen studierte ich ev. Theologie in Oberursel und Erlangen. Ich arbeitete einige Jahre im Gemeindedienst und kehrte 2006 in meinen ursprünglichen Beruf zurück. Ich lebe mit meiner Frau in der Nähe von Stuttgart und bin heute in einem Verlag tätig.

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