Der Ochse Gottes

Gedankenblitzblog XV – 13. Jhd. n. C.

Den Menschen zeichnet aus, dass er nach Zusammenhängen sucht. Dass wir zu verstehen versuchen, wo wir unseren Platz haben und in welchem Verhältnis wir zu den anderen Menschen stehen, zur Natur, zur Schöpfung, zu Gott. Darauf zielt alles Nachdenken, alles – im weitesten Sinne – Philosophieren.

Chaos oder Zusammenhang

Jemand, der sich der Frage nach dem Zusammenhang nicht stellt, der ohne Sinn und Verstand handelt, sorgt für Chaos und Tohuwabohu. Gerade diese sehr alten Worte, Chaos stammt aus der griechischen, Tohuwabohu aus der hebräischen Mythologie zeigen, wie sehr wir uns vor dem Zusammenhanglosen fürchten und statt dessen Ordnung erkennen wollen.

Schweigsam und plump

Im 13. Jahrhundert lebte ein Mann, dessen Lebensaufgabe darin bestand, Zusammenhänge zu schaffen. Ein Mann, dem man, wäre man von seinem Auftreten und seiner äußeren Erscheinung ausgegangen, eine solche Aufgabe niemals zugetraut hätte. Der siebte Sohn des Grafen von Aquino war groß, tumb und schweigsam wie ein Ochse. Viel Geist konnte man nicht an ihm erkennen. Ein gewaltiger Irrtum, wie sich herausstellen sollte und der Beweis, dass man Zusammenhängen nach dem äußeren Schein nicht allzu viel zutrauen darf.

Der Ochse Gottes

Thomas Leben war vorgeschrieben: Als jüngster Sohn eines Adligen war er für die geistliche Karriere vorgesehen, weshalb er früh in das berühmte Benediktinerkloster Montecasasino gegeben wurde. Thomas aber entschied sich aber, dem jungen Orden der Dominikaner beizutreten, was auf entschiedenen Widerstand seiner Familie stieß. Die Dominikaner lebten ein strenges Leben nach dem Armutsideal, ein Lebensstil, der sich nicht geschmeidig in die Pläne einfügte, die Thomas Familie für ihn vorgesehen hatte. Aber Thomas blieb halsstarrig bei seiner Entscheidung und entzog sich dem Willen der Familie. Nachdem er in Neapel studiert hatte, ging er nach Frankreich und lernte an der Universität von Paris den legendären Albert von Lauingen, genannt Albertus Magnus kennen. Ihm folgte er nach Köln. Albertus war es, der hinter die Erscheinung des groben, stummen Thomas blickte – seine Mitstudenten bezeichneten ihn tatsächlich als Ochsen. Albertus hingegen erkannte die immense Begabung und Gelehrsamkeit des jungen Mannes.

Die Theologie, die Thomas studierte, später lehrte, hatte zu seiner Zeit einen anderen Stellenwert als heute. Sie nahm erheblichen Einfluss auf alle anderen Wissenschaften. Von unabhängigen wissenschaftlichen Disziplinen war man im Hochmittelalter weit entfernt. Theologie und Philosophie beispielsweise waren völlig aufeinander zugeordnet, man konnte sie nicht trennen.

Der alte Erneuerer

Nun aber entdeckte man in jener Zeit einen antiken Denker wieder, der die Philosophie neu inspirierte: Aristoteles. Er war wie Platon nie in Vergessenheit geraten, doch durch die Vermittlung der islamischen Kultur traten seine Schriften einen Siegeszug im Abendland an. Allerdings hatte der Philosoph wie er schlicht bezeichnet wurde, einen Makel. Er war Heide.

Die gewaltige Aufgabe, die sich Thomas stellte, war, den christlichen Glauben und Aristoteles in einen Zusammenhang zu bringen. Thomas Theologie war durch und durch von Aristoteles geprägt. Drei große Leistungen hatten enorme Wirkung auf das Denken:

1. Glaube und Vernunft verstand er nicht als Gegensatz, sondern sie entsprachen und bezogen sich aufeinander.

2. Er stellte mit Hilfe von Aristoteles die Theologie auf wissenschaftliche Füße.

3. Die Verbindung von Glauben und Vernunft ermöglichte ihm fünf unwiderlegliche Beweise für die Existenz Gottes zu formulieren.

Scholastik und Empirismus

Die wissenschaftliche Methode, mit der Thomas arbeitete, nannte sich Scholastik. Die Scholastik war eine geregelte, logische Abfolge von Fragen, Argumenten, Gegenargumenten und Rückschlüssen. Diese Form des Denkens war einerseits bestechend, weil ihre Strenge und Disziplin nachvollziehbare und eindeutige Ergebnisse gestattete. Allerdings war sie zugleich rein theoretisch, so dass bereits ein Zeitgenosse des Thomas, der englische Philosoph Roger Bacon ihre Schwächen aufzeigte und eine andere Denkweise favorisierte, den Empirismus, also die Wissenschaft, die sich aus Experiment und Erfahrung speist. Die empiristische Art des Denkens setzte sich schließlich durch und wurde die bis heute bestimmende.

Wer braucht noch Thomas von Aquin?

Bedeutet dies, dass Thomas von Aquin, abgesehen von ein paar katholischen Fans, keine Bedeutung mehr hat und nur historisch interessant ist? Die Antwort lautet eindeutig: Jein! Seine fünf Gottesbeweise beeindrucken in ihrer Schlüssigkeit, doch sie sind – spätestens seit Immanuel Kant – überwunden.

Doch so einfach lässt sich nicht sagen: Thomas von Aquin liegt hinter uns und ist bedeutungslos. Man stelle sich vor, es hätte ihn nicht gegeben und sein gewaltiges Unternehmen, den Glauben in einen größeren Zusammenhang zu stellen, wäre unterblieben? Das ist nicht vorstellbar. Es ist wie bei einer Leiter: Auf die höchste Stufe kommt man nur, wenn man alle anderen vorher betreten hat. Von erhabenem Standpunkt aus die unteren Stufen der Leiter herauszubrechen, ist absurd. Und deshalb hat Thomas vielleicht mehr nicht die Bedeutung, die er 1567 bekam, als er zu den Kirchenlehrer gezählt wurde. Aber bedeutungslos ist er nicht.

Veröffentlicht von

uwemetz

uwemetz

Geboren 1968 in Gießen, aufgewachsen in Wetzlar/ Lahn. Nach einer Buchhändlehre in Gießen studierte ich ev. Theologie in Oberursel und Erlangen. Ich arbeitete einige Jahre im Gemeindedienst und kehrte 2006 in meinen ursprünglichen Beruf zurück. Ich lebe mit meiner Frau in der Nähe von Stuttgart und bin heute in einem Verlag tätig.

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