mundtot

Am Anfang ist die Kränkung

Narzisstische Verführer wie Trump, Putin oder Musk verfügen über ein Gespür für Kränkungen des Gegenübers. Sie haben dieses Gespür als Antwort auf ihre eigene Kränkung entwickelt und antworten damit gleichzeitig auf ein Defizit ihres Gegenübers. Doch die Wirkung dieser Verführung ist weitreichender: Später, nachdem eine Situation eskaliert ist, wie zum Beispiel der Angriff auf das Capitol oder gegenwärtig der Ukrainekrieg, können die Verführten kaum zugeben, betrogen worden zu sein. Dadurch würden sie die Kränkung offenlegen. Sie schämen sich, sich derart verführt haben zu lassen.

Verführung und Scham

Verführung und Scham greifen hier wie Schloss und Schlüssel. Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Die Beschämung ist verständlich. Sich als Opfer von Manipulation erkennen zu müssen, verführt, benutzt und damit herabgesetzt worden zu sein, ist eine echte Verletzung.  Darüber schweigt man lieber, meidet und leugnet es.

Das Echo der Verführung

Doch was will man erreichen durch sein Schweigen? Was ist das Echo der Verführung? Schweigen und Echo in einem Zusammenhang zu nennen, ist gar nicht so widersprüchlich; es gibt ja auch ein “lautes” Schweigen. Was also ist Zweck dieses Schweigens? 

Im Grunde möchte man seine Integrität, “sein Gesicht” bewahren. Das kann aber nicht gelingen, wenn man im Schweigen, Meiden und Leugnen verbleibt. Auf diese Weise konserviert man die Scham, schützt den Verführer und ebnet ihm obendrein den Boden, weil man seinen Betrug nicht offenlegt.

Tolstois Alternative

Schweigen, Meiden und Leugnen, das Echo der Verführung, wird letztlich die eigene Integrität nur weiter aushöhlen. So muss man sich aber nicht verhalten.

In “Krieg und Frieden” wird einer der Romanhelden, Graf Pierre Besuchow vor eine Alternative gestellt: Er ist gekränkt, weil ihn seine Frau betrog und fordert den Liebhaber zum Duell. Er verlangt nach Genugtuung, zu tief ist er in seiner Ehre getroffen. Ein Duell als Mittel, um seine Ehre wiederherzustellen, wird aber keineswegs gutgeheißen, im Gegenteil. Ein Freund Besuchows stellt ihn vor eine Alternative: “Sie wissen Graf, es ist viel edler, einen Missgriff einzugestehen, als bis zum Äußersten zu gehen.”

Nicht zum Äußersten gehen. Das ist die Alternative. Das meint auch, nicht bis zum Äußersten zu schweigen. Es ist viel edler, das Schweigen, Meiden und Leugnen zu beenden. Die eigene Person wird von der Kränkung befreit, indem man zugibt, verführt worden zu sein und gleichzeitig wird das Spiel des Verführers unterbrochen, vielleicht sogar ganz unterbunden. Endlich!

Weiterführend: Über die Last des Schämens – dass es nicht das dunkle Geheimnis ist, das einen quält, sondern es im Dunklen zu lassen, erklärt Christiane Gelitz in ihrem Artikel über Scham und Schweigen.

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