Warum es im Mittelalter doch nicht so dunkel gewesen ist

Gemeinhin bezeichnen wir das Mittelalter als dunkle Epoche. Es ist in etwa die Zeit nach Boethius bzw. der Spätantike und der Epoche der Wiedergeburt der Antike, der „Renaissance“ – also grob neun Jahrhunderte.

Aber aus drei Gründen kann man das Mittelalter nicht rundheraus als finster bezeichnen.

1. Das Licht des Ostens

Im christlichen Abendland brannten tatsächlich nicht allzu viele Lichter. Im Morgenland jedoch, derjenigen Region, die vom Islam eingenommen wurde, ging es geistig ausgesprochen rege zu. Islamisch-jüdische Denker wie Ibn Sina (Avicenna), Ibn Ruschd (Averroes) oder Ben Maimon (Maimonides) erweiterten die Kenntnisse um Mathematik, Philosophie und Medizin ( Averroes und Maimonides gehören streng genommen nicht in den Osten, sondern in den „islamischen Westen“, da sie beide aus dem Kalifat Cordoba stammen). Ein gutes Beispiel für den Einfluss des Islams auf uns sind die indisch-arabischen Ziffern, die wir heute verwenden. Im Abendland gingen viele Bücher antiker Philosophen verloren. Im Osten aber, sowohl durch die Kultur des Islams, aber auch durch den Einfluss christlicher Reiche dort blieb viel vom Erbe der Griechen und Römer erhalten.

Wenn wir heute also den Nahen und Mittleren Osten als kultur- und lebensfeindliches Areal betrachten, in dem religiöser Fanatismus, Despotismus und permanenter Kriegszustand herrschen, dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass die Verhältnisse vor einigen Jahrhunderten umgekehrt waren.

2. Trübe Lichtverhältnisse im Abendland

Das Christentum spielt eine zwiespältige – oder um im Bild zu bleiben – zwielichtige Rolle im Mittelalter. Im Laufe der Jahrhunderte etablierte es sich zur führenden Religion in Europa, abgesehen von einem Teil der iberischen Halbinsel, die von islamischen Reichen beherrscht wurden (s.o.). Die römisch-katholische Kirche dominierte Glauben und Denken derart, dass ein freier Blick für Kunst, Wissenschaft und Philosophie kaum möglich war. Andererseits war das Christentum und vor allem die Klöster der Ort der Bewahrung und geistigen Erneuerung. Die Erzählung „Der Name der Rose“ von Umberto Eco gibt auf großartige Weise die geistige Stimmung jener Zeit wieder.

3. Die Mitte der Nacht …

ist der Anfang des Tages. Es wäre ziemlich begrenzt, das abendländische Mittelalter ausschließlich als eine Epoche von Pest und Aberglauben, Christentum und Kreuzzüge zu betrachten. Kultur und Denken kamen keineswegs zum Stillstand – im Gegenteil: Die Kirchen, Dome und Kathedralen des Mittelalters strahlen noch heute eine immense Kraft aus. Es entstanden die ersten Universitäten Europas: Bologna, Paris, Oxford, Neapel, Prag, Krakau, Heidelberg … Viele der mittelalterlichen Philosophen wirkten dort: Thomas von Aquin studierte in Neapel, Albertus Magnus lehrte in Paris, Wilhelm von Ockham in Oxford (übrigens war der oben genannte Umberto Eco Professor an der Universität von Bologna). Das, was an diesen Orten und durch diese Gelehrte geschaffen wurde, war die Voraussetzung für unser Denken in Europa heute. Um einige Beispiele zu nennen: Der englische Theologe und Philosoph John Wycliff (1330-1384), ein Vordenker der Reformation, wirkte in Oxford. Mittelalterliche Philosophinnen und Philosophen der mystischen Schule wie z.B. Meister Eckhart (1260-1328) werden auch heute noch aufgegriffen.

Nein, lichtdurchflutet war das Mittelalter in keinem Fall. Aber die Vorstellung, dass 900 Jahre Dunkelheit herrschte und dann einer das Licht des aufgeklärten Geistes anknipste, ist nicht richtig.

  • In der muslimischen Kultur blühten Kunst, Philosophie und Wissenschaft.
  • Das Christentum behinderte, aber es beförderte auch die Geistesgeschichte in Europa.
  • Die mittelalterlichen Universitäten, Gelehrten und Philosophen legten die Grundlage dessen, was wir heute unsere westliche-abendländische Kultur bezeichnen.

Zenon, der Reisende

Vorbild Sinbads des Seefahrers?

Gedankenblitzblog XIII – 5./4. Jhd. v. C.

Zenons Ahnen

Zenon wurde während einer Reise geboren. Seine Mutter Athera, stammte aus Beritos in Phönizien, dem heutigen Beirut. Sein Vater Kompas, ein griechischer Seefahrer, stammte Zenon, der Reisende weiterlesen

Plotin

Plotin  oder durch Ekstase ins Licht

Gedankenblitzblog XII – 3. Jahrhundert n.C. 

Wer war Plotin?

Die Epoche der Philosophie der Antike zu beschließen, ohne auf Plotin einzugehen, wäre nicht vollständig. Denn Plotin hatte auf viele ihm folgende Denker, Plotin weiterlesen

Boethius

Boethius oder in der Abenddämmerung der Welt

Gedankenblitz-Blog XI: 500 n.C.

Booethius der letzte Klassiker

Das Ende der Ewigen Stadt

Rom, Zentrum der Welt mit Anspruch auf Ewigkeit fand sein Ende am 4. September 476 n.C. Der germanisch-römische Heerführer Odoaker setzte an diesem Tag Boethius weiterlesen

Aristoteles oder die Erfindung der Wissenschaft von der Mitte

Aristoteles

Gedankenblitzblog X: 400 v.C.

Aristoteles und das „Meson“, die Mitte der Dinge

Der Schriftsteller Albert Camus sagte über die frühe Philosophie Europas, dass sie eine Philosophie des Lichts sei. Denn sie entstand Aristoteles oder die Erfindung der Wissenschaft von der Mitte weiterlesen

Platon – ein Mann mit Idealen

Platon

Gedankenblitzblog IX: 400 v.C.

Der hellste Stern

Er ist das hellste Gestirn am abendländischen Philosophenhimmel: Platon, Schüler des Sokrates, Gründer der Akademie, Erfinder der platonischen Liebe. Als sein Lehrer Sokrates starb, verließ Platon Athen. Die Athener sollten nicht noch einmal Gelegenheit haben, Platon – ein Mann mit Idealen weiterlesen

Vier Kontinente

Vier Kontinente in einer S-Bahn

Zwischenruf: 2018 n.C. 

Es ist so ein kleines Hobby: Ich sitze in der S-Bahn  und überlege, woher meine Mitfahrer kommen und welche Sprache sie sprechen. Eine rothaarige Frau spricht Russisch mit ihrem Kind. Zwei Männer mit kräftigen, herben Gesichtszügen unterhalten sich in einer Sprache, die Arabisch sein könnte. Vier Kontinente weiterlesen

Die Stoa oder die Säulen der Weisheit

Die Stoa oder die Säulen der Weisheit

Gedankenblitzblog VIII: 300 v. C.

Das Wort „Schule“ ist, wenn man von Philosophen-Schulen spricht, missverständlich. Denn das Ziel der drei großen antiken Philosophen-Schulen, war es nicht, Die Stoa oder die Säulen der Weisheit weiterlesen

Epikur oder der Philosoph der Schrebergärtner

Epikur

Gedankenblitzblog VII: 300 v.C. 

Die ägäische Insel Samos galt in der Antike als ein so schöner Ort, dass man sie ‚die Blühende‘ nannte: Ein Garten, durchtränkt von Licht und Schönheit. Auf dieser Insel wurde der außergewöhnliche Philosoph Epikur geboren. Außergewöhnlich ist Epikur wegen des Themas, Epikur oder der Philosoph der Schrebergärtner weiterlesen

Sokrates oder Humor kann tödlich sein

Sokrates

Gedankenblitzblog VI: 400 v.C.

Stellen Sie sich vor, Sie spazierten durch das alte Athen. Es ist Abend, die Straßen sind voller Menschen. Die meisten streben in Richtung Marktplatz, der Agora. Dort wird gehandelt, geredet, gezankt, gebetet, gewürfelt, geboxt (eine sehr geschätzte Sportart damals), gerichtet, gegessen, gerülpst. Kurzum, fast alles in Athen findet auf der Agora statt. Sie sehen einen Mann, der in ein lebhaftes Gespräch mit ein paar anderen verwickelt ist. Der Mann ist gedrungen und untersetzt, trägt Bart und hat eine Glatze. Der Bart macht sein flaches Gesicht noch voller. Er ist kräftig, beinahe plump. Wohl ein Handwerker, der mit Kunden verhandelt oder mit Kollegen fachsimpelt. Sie treten näher, um zuzuhören – was keinen sonderlich stört. Es wird laut diskutiert, zitiert und gestikuliert. Ein Geschäftsgespräch ist das nicht und auch keine Fachsimpelei. Die Umstehenden stellen dem plumpen Mann Fragen, aber meistens fragt er die anderen. Sie stehen vor Sokrates von Athen, von dem das Delphische Orakel sagte, er sei unter den Weisen der Weiseste. Sokrates oder Humor kann tödlich sein weiterlesen