Boethius

Boethius oder in der Abenddämmerung der Welt

Gedankenblitz-Blog XI: 500 n.C.

Booethius der letzte Klassiker

Das Ende der Ewigen Stadt

Rom, Zentrum der Welt mit Anspruch auf Ewigkeit fand sein Ende am 4. September 476 n.C. Der germanisch-römische Heerführer Odoaker setzte an diesem Tag den letzten Imperator Roms ab. Rom hatte die Grenzen der Welt gebogen und sich ins Zentrum gesetzt. Doch das Zentrum hatte keine Bedeutung mehr, die Grenzen fielen auseinander. Etwa 10 Jahre nach dem Ende der Ewigen Stadt wurde Anicius Manlius Severinus Booethius geboren. Die Ancinier waren eine alte, adelige Familie; Boethius Vater war Senator gewesen, Konsul und Stadtpräfekt Roms; Booethius erlebte, wie Rom allmählich zu einem Schatten seiner selbst wurde. Er war außerordentlich gebildet und – dieser Umstand ist für sein weiteres Schicksal wichtig – katholischer Christ.

Roms Eroberer

Mittlerweile stand der westliche Teil des römischen Imperiums nach der kurzen Regentschaft Odoakers unter der Herrschaft des Ostgoten Dietrich oder Theoderich. Theoderich war zwar Christ wie Boethius. Aber kein Katholik, sondern Arianer, Angehöriger einer anderen christlichen Konfession. Doch Römer und Germanen standen einander nicht nur aus religiösen Gründen mit Misstrauen gegenüber. Die Germanen galten den Römern als Barbaren und sie hatten Rom, die Beherrscherin der Welt Römer besiegt.

Dietrich und Booethius

Religiös gab sich Dietrich tolerant. Auch stellte er einflussreiche Römer in seinen Dienst. Boethius war einer von ihnen. Er wurde zum obersten Verwalter, gewissermaßen Premierminister des Ostgotenreiches. Seine beiden Söhne wurden von Dietrich zu Konsuln ernannt. Trotz dieser Erfolge, wusste Booethius um die Unsicherheit und die Brüchigkeit seiner Zeit. Er ahnte, dass das römische Reich unter dem fremden Herrscher noch eine späte Blüte erlebte, aber Vertrauen in deren Bestand hatte er nicht. Und so kam es, dass er (trotz oder vermutliche gerade wegen seines Ansehens) Opfer dieser brüchigen Herrschaft wurde. Viele Römer akzeptierten den Germanenkönig nicht als Herrn, insbesondere der Adel. Sie sahen im Kaiser Ostroms den rechtmäßigen Imperator. Der konfessionelle Unterschied zwischen katholischen Römern und germanischen Arianern festigte die Abneigung. Als sich Boethius für den wegen Verrates angeklagten Senator Albinus einsetzte, geriet er selbst unter Verdacht. Mit seiner Herkunft und seinem Stand entsprach er viel zu sehr selbst einem Widersacher der Ostgoten. Er wurde gefangengenommen, nach Pavia gebracht und zum Tode verurteilt. Dietrich hat zwar das Urteil nicht persönlich ausgesprochen. Aber er hat den Prozess gebilligt und das Urteil hingenommen. Boethius bemerkt zur Politik seiner Zeit enttäuscht, dass „zweifellos meistens die Schlechtesten die Würden innehaben.

Wie soll man sich in einer auseinanderbrechenden Welt verhalten? Fliehen, resignieren, sich durch Genuss ablenken? Der Philosoph greift zu einem anderen Mittel, zum Trost in der Philosophie. In aller Haltlosigkeit und Bedrängnis findet er hier Beständigkeit. Und dies macht ihn zu einem Vorbild. Boethius hat keine eigene Philosophie entwickelt, wie Epikur, noch eine andere eigenständig fortgesetzt, wie Plotin das Denken des Platon. Er wendet das, was er in sich trägt, an Kunst und Philosophie auf sein Leben an. Und so kann er in allem Auseinanderbrechen Sinn erkennen und Trost finden.

Der Trost der Philosophie

Trost der Philosophie“, sein berühmtestes Werk ist eine Mischung aus Lehrgedichten und Gedanken. Diese Form der Literatur war beliebt und verbreitet zu jener Zeit. Booethius sitzt in Pavia im Gefängnis, ist gänzlich mutlos über das, was mit ihm geschehen ist, da tritt die Weisheit , die „Sophia“ (also die Philosophie) an ihn heran. Das schicksalhafte Glück, „Fortuna“, behauptet die Sophia, sei unbeständig. Selbst ihm, Booethius, der so viel Glück hatte, ist Fortuna nicht treu. Stattdessen wendet sie sich wankelmütig denjenigen zu, die nur ihren eigenen Vorteil im Sinn haben, intrigieren und anderen Schaden zufügen. Sie, die Philosophie ist Boethius wahre Freundin. Sie führt ihm zum wahren Glück und zeigt ihm, dass das Unglück nicht allein über sein Leben entscheidet.

Das wahre Glück

Aus was besteht das wahre Glück? Es ist das Vermögen, selbstgenügsam zu werden, nicht nach Herrschaft, Einfluss oder Besitz zu streben und dabei den Blick auf Gott, den Einen, Höchsten und Ewigen gerichtet hält. Glauben und Bildung waren demnach für Booethius der Weg zum Gluck. Aber keine Bildung, wie wir sie hierzulande verstehen, also in der Ansammlung von abprüfbaren Informationen und Kenntnissen. Philosophische Bildung formte den Menschen und sollte ihn in die Lage versetzen, sich eigenständig ein Bild von der Welt zu machen. Deshalb sammelte, übersetzte und kommentierte Booethius viele Werke der griechischen Philosophie, insbesondere des Aristoteles, die wir ohne ihn heute nicht kennen würden.

Veröffentlicht von

uwemetz

uwemetz

Geboren 1968 in Gießen, aufgewachsen in Wetzlar/ Lahn. Nach einer Buchhändlehre in Gießen studierte ich ev. Theologie in Oberursel und Erlangen. Ich arbeitete einige Jahre im Gemeindedienst und kehrte 2006 in meinen ursprünglichen Beruf zurück. Ich lebe mit meiner Frau in der Nähe von Stuttgart und bin heute in einem Verlag tätig.

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