Aristoteles oder die Erfindung der Wissenschaft von der Mitte

Aristoteles

Gedankenblitzblog X: 400 v.C.

Aristoteles und die Mitte

Der Schriftsteller Albert Camus sagte über die frühe Philosophie Europas, dass sie eine Philosophie des Lichts sei. Denn sie entstand an den Küsten des Mittelmeeres. Wer einmal dort gewesen ist, versteht, was er meinte: Im Licht der südlichen Sonne treten die Dinge umrissen hervor. Im Norden treten sie zurück, werden verhalten, schwerer und geheimnisvoller. Beides hat seinen Reiz, das eine in seiner Unbestimmtheit, das andere in seiner Klarheit. Kein anderer Philosoph steht so sehr für die Klarheit des Gedankens als Aristoteles von Stageira.

Der Philosoph

Im Mittelalter wurde er als der Philosoph bezeichnet, so hoch war er angesehen. Nicht nur in Europa, sondern vor allem in den Ländern des Islams. Gerade islamischen Überlieferern und Kommentatoren wie Avicenna und Averroes verdanken wir Europäer viele wichtige Kenntnisse über Aristoteles Werke.

Der Lieblingsschüler

Aristoteles lebte im 4. Jahrhundert v. C. und kam ursprünglich aus Stageira, einer Stadt in der Nähe des nordgriechischen Thessaloniki. Aber wie viele junge Männer – er war 17 – zog es ihn dort hin. Dort lernte er Platon kennen und trat in seine Akademie ein. Aristoteles war zwar Platons Lieblingsschüler, aber er dem zentralen Gedanken seines geistigen Vaters folgte er nicht, nämlich der Vorstellung einer höchsten Ideenwelt. Das ist wohl der Grund dafür, dass nicht er die Nachfolge Platons an der Akademie antrat und Aristoteles veranlasste, Athen den Rücken zu kehren. Nicht ganz so reisefreudig wie Platon, bewegte er sich hauptsächlich in Griechenland. In Makedonien wurde er von König Philipp zum Erzieher seines Sohnes bestellt. Lapidar heißt es, dass die Aristoteles Bemühungen um die Erziehung des Makedonenprinzen Alexander – dermal einst wird man ihn den Großen nennen – keine erkennbaren Auswirkungen hatten. Herrscherhirne scheinen der Freude am Gedanken und der Weisheit weitestgehend zu widerstehen.

Der erste Wissenschaftler

Das Herausragende an Aristoteles ist, dass er in einem enormen Kraftakt die Dinge, die er vor Augen hatte, einteilte, ordnete und kategorisierte. Diesen Vorgang darf man sich nicht als ein buchhalterisches Einteilen und Sortieren der Welt vorstellen. Aristoteles unterschied systematisch, um auf diese Weise durchdachte Aussagen über die Zusammenhänge in der Natur und in der Welt zu machen. Seine Fähigkeiten und Kenntnisse umspannten das bekannte Wissen, Philosophie, Mathematik, Politik, Biologie, Rhetorik. Er löste die Ethik und die Logik als eigenständige Bereiche aus der Philosophie und schrieb zu guter Letzt ein Buch über die Themen, die über die Physik hinausgingen (griechisch Meta-Physik). Damit legte er den Grund für die bis heute geltende Unterscheidung zwischen den Wissenschaften. In allem ging er dabei folgerichtig und methodisch vor, dass man bei Aristoteles überhaupt vom ersten Wissenschaftler überhaupt sprechen kann.

Der Mann der Mitte

Während sein Lehrer Platon sich auf die Suche nach dem einen höchsten Ideal machte, suchte Aristoteles die Mitte. Besonders seine Ethik ist durch die „Lehre von der Mitte“ geprägt. In allem, so behauptete er, gibt es ein Zuviel und ein Zuwenig, also auch im Verhalten. Das Richtige befindet sich in der Mitte. Ein Beispiel: Zwischen Mutwillen (Zuviel) und Feigheit (Zuwenig) bildet der Mut das rechte Maß. Jede Tugend zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Mitte zwischen den Extremen ist. Das ist so bestechend schlüssig, dass man Aristoteles nur zustimmen kann.

Der unbewegte Beweger

Obwohl er die Vorstellung von einer Ideenwelt nicht teilte, trug Aristoteles dennoch einen idealistischen Zug. Er behauptete, alles, was ist, benötigt einen Anstoß. Verfolgte man alle Bewegung zurück bis zum ersten Impuls, so müsse derjenige, von dem dieser Anstoß ausging, selbst unbewegt sein; das hat ein bisschen was von einer philosophischen Urknall-Theorie. In diesem Anfang, Aristoteles nennt ihn, den unbewegten Beweger, kommen alles Bewegungen der Welt und des Lebens zur Vollendung. Für Islam und Christentum, die beide einen Gott verehren, von dem alles ausgeht, bot diese Anschauung einen idealen Anknüpfungspunkt an die antike Philosophie.

Uns freilich ist die Vorstellung vom unbewegten Beweger, bei dem alles zur Ruhe kommt, heute eher fremd. Wir sind so aufgeregt unterwegs, dass wir nur dies sehen und uns an die Dynamik verschwenden. Aristoteles würde an die Sache logisch herangehen: Unser Verhalten stellt ein Extrem dar, blinder Übereifer. Dieses Verhalten muss einem anderen Extrem gegenüberstehen, seinem Gegenteil. Nennen wir es Langeweile oder Trägheit. Die Tugend ist in der Mitte zwischen diesen beiden. Welche Bezeichnung trägt sie? Die Antwort darauf zu finden, ist wahre Philosophie.

Veröffentlicht von

uwemetz

uwemetz

Geboren 1968 in Gießen, aufgewachsen in Wetzlar/ Lahn. Nach einer Buchhändlehre in Gießen studierte ich ev. Theologie in Oberursel und Erlangen. Ich arbeitete einige Jahre im Gemeindedienst und kehrte 2006 in meinen ursprünglichen Beruf zurück. Ich lebe mit meiner Frau in der Nähe von Stuttgart und bin heute in einem Verlag tätig.

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