Niccolo Machiavelli und die Architektur der Macht

Niccolo Machiavelli (1469-1527) hätte House of Cards für eine formidable Sitcom gehalten. Niemand kannte sich besser aus mit der Architektur skrupelloser Macht wie er. Es lohnt sich, sich mit ihm zu befassen. Denn obwohl er vor 500 Jahren lebte, sind seine Vorstellungen ungemein zeitgemäß.

Herrschaft oder Herrscher?  Das ist hier die Frage

Machiavellis Philosophie beschäftigte sich mit der Frage nach Herrschaft. Genaugenommen welche Herrschaft die … hier gerät man ins Zögern. Normalerweise würde man fragen, welche Herrschaftsform die Beste ist. Demokratie, Aristokratie, Republik, Theokratie oder Alleinherrschaft. Der Krieg des autokratischen Russland gegen die demokratische Ukraine ist ein Kampf der Herrschaftssysteme. Siegt Russland, hat die Autokratie gewonnen. Kann sich die Ukraine durchsetzen, ist das ein Erfolg für den  Westen. Ein Beweis, dass die Demokratie das bessere System ist.

Machiavelli hingegen würde diesen Krieg von einem ganz anderen Standpunkt aus betrachten. Er würde die Frage stellen: Nicht wie muss die Herrschaft beschaffen sein, sondern wie der Herrscher? Wie muss er vorgehen, damit er sich durchsetzt? Machiavellis Antwort ist nüchtern, kalt und pragmatisch: Der rechte Herrscher ist derjenige, der bereit ist jedes Mittel anzuwenden, das seinem Zweck dient. Der Zweck heiligt die Mittel, das ist Machiavellismus in Kurzform. Intrigen, Gewalt, Lügen, Unterdrückung, Terror? Wenn es dem Zweck dient, warum nicht? Es ist doch diejenige Weise, mit der sich Herrschende schon immer durchgesetzt haben.

Wie man seinen Ruf ruiniert

Diese andere Vorstellung von Staat und Staatsmann schockierte und verschaffte Machiavelli den Ruf des am übelsten beleumdeten Philosoph des Abendlandes. Doch was war eigentlich so schockierend an seiner Staatsphilosophie? Machiavelli löste Herrschaft aus ihrem moralischen, religiösen, gesetzlichen oder nationalistischen Rahmen. Er legt sie frei und bezieht sie rein auf die Person desjenigen, der seine Macht durchsetzen will. Heute würde man sagen, dass daran nichts Ungewöhnliches ist. So gelangt man eben an die Spitze eines Unternehmens oder einer Partei. Nicht der setzt sich durch, der sich an Regeln hält, sondern der, der sie macht. Man sieht dieses Vorgehen allenthalben, nicht zuletzt in Russland. Doch vor 500 Jahren stellte diese man könnte sagen egozentrische Vorstellung von Herrschaft einen Bruch dar mit der traditionellen Rechtfertigung von Herrschaftsordnungen durch Vernunft, Gott, oder Gemeinsinn.

War Machiavelli Machiavellist?

Wie kam Machiavelli zu seiner Auffassung? War er selbst ein skrupelloser, brutaler „Machiavellist“? Wahrscheinlich eher nicht.

Machiavelli stammte aus einer angesehenen Familie, die allerdings mittlerweile weder sonderlichen Einfluss noch Reichtum besaß. Sein Vater war mäßig erfolgreicher Jurist. Als humanistisch gebildeter Mann vermittelte er wie es damals üblich war seinem Sohn die klassische Literatur, die sich der ehrgeizige und wissensdurstige Niccolo autodidaktisch weiter erschloss.

Machiavelli lebte Zeit seines Lebens in und für Florenz. Die Stadt war zu jener Zeit eine Republik, jedoch nicht im Sinne einer modernen Demokratie. Einflussreiche Familien kämpften um die Vorherrschaft im Rat der „Signora“; republikanische und monarchische Elemente rangen miteinander. Eine Zeitlang gewann in der Familie de Medici das monarchische Element die Oberhand. Dann wurden sie vertrieben durch den Prediger Girolamo Savonarola, der seinerseits eine Theokratie errichtete. Auch dagegen begehrten die Florentiner auf, was die Medici abermals auf den Plan rief. All das geschah vor Augen des scharfsinnigen Machiavelli. Der sah seine Rolle nicht darin, nur stiller Beobachter des turbulenten Wechsels der Herrschaften zu sein. Für ihn wurde der Mensch – einschließlich er selbst – von verschiedenen Umständen und Kräften motiviert: Der Tüchtigkeit (virtute), dem Ehrgeiz (avarizia oder ambitione), der günstigen Gelegenheit (occasione) und der Notwendigkeit (necessita). Obwohl Machiavelli als Staatsphilosoph berühmt wurde, sah er sich selbst stets als Politiker. Und als solcher diente er seiner Stadt erfolgreich. Bis zum Jahr 1512.

1512 und 1513 waren Machiavellis Schicksalsjahre. Die Medicis kehrten 1512 zurück. Die Republik brach zusammen. Machiavelli, ein Vertreter der Republik und gewiss kein Freund jener adligen Familie, wurde von den Medici nach allen Regeln der Kunst kaltgestellt. Erst wurde er seiner Ämter und seines Standes enthoben, später gefangen genommen, gefoltert und anschließend verbannt. Für einen umtriebigen, karrierebewussten und leidenschaftlichen Politiker wie Machiavelli bedeutete dies das Ende all seiner Ambitionen. 1513 schrieb er im Exil sein berühmtes Hauptwerk „Il Principe“ oder „Der Fürst“ und widmete es ausgerechnet demjenigen, der ihm so übel mitgespielt hatte, Lorenzo de Medici, Herzog von Urbino. Warum er das tat, bleibt rätselhaft. Vielleicht betätigte er sich als Schriftsteller, weil ihm die Untätigkeit zusetzte. Oder aber er strebte eine Karriere unter den Medici an. Vermutlich spielte beides eine Rolle. Genutzt hat es ihm allerdings nichts. Der Herzog von Urbino ignorierte das ihm gewidmete Werk und selbst wenn er es gelesen hätte, verstanden hätte er es wohl nicht.

Dabei ist „Der Fürst“ durchaus kein trockenes Buch. Im Gegenteil! Zunächst weil Machiavelli auf Toskanisch schrieb und nicht in Latein, wie es damals üblich war. Stilistisch, kompositorisch und rhetorisch ist „Il Principe“ brillant; es wird zu Recht als eines der wichtigsten Bücher abendländischer Staatsphilosophie bezeichnet. Nachdem Machiavelli die verschiedenen Herrschaften dargelegt hat, geschickt veranschaulicht durch Episoden aus der antiken und italienischen Geschichte, erkennt er im Papstsohn Cesare Borgia diejenige Herrschergestalt, die Vorbild aller Herrscher ist. Dieser Renaissancefürst vereint Willen, Gelegenheit, Ehrgeiz und Tüchtigkeit in einer Person und gelangt so an die Spitze der Macht. Die Mittel, die er dabei einsetzt, wählt er skrupellos, einzig nach ihrem Nutzen für seine persönlichen Ziele aus. Ob Machiavelli Machiavellist gewesen ist, mag umstritten sein, Cesare Borgia war es sicherlich.

Ist mit Machiavelli ein Staat zu machen?

Ist mit Machiavellis „Fürst“ ein Staat zu machen? Nein, eher nicht. Machiavelli selbst hielt die republikanische Ordnung für am geeignetsten, um eine Herrschaft zu halten. Ihn als kalt berechnenden Fürsprecher skrupelloser Machtpolitik zu betrachten, wäre zu einfach. Machiavelli blickte nüchtern und ideologisch unverklärt auf die Weise, wie Politik gemacht wurde und wie Herrscher ihre Macht durchsetzten.

Übrigens waren auch die Mächtigen der Kirche Gegenstand seiner Überlegungen. Er bezeichnete die Kirche sogar als die beständigste unter den Herrschaften. Der Grund für diese Beständigkeit ist einfach: Weder die Kirchenfürsten zeigen Interesse an ihren Untertanen, noch die Untertanen Interesse an ihren Herrschern. Eine stabile gegenseitige Ignoranz.

Machiavellis Sarkasmus war berühmt

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