Warum echte Skeptiker nicht verzweifeln

Kaum ein Mensch auf dieser Welt schien so wenig unter Selbstzweifel zu leiden wie Alexander der Großewas ihm in die Wiege gelegt war. Sein Vater Philipp von Makedonien und seine Mutter Olympias hielten sich für Nachkommen göttlicher Geschlechter. Voneinander hielten sie allerdings nicht sehr viel. Philipp II. war außerordentlich ehrgeizig; es gelang ihm Makedonien eine Vorrangstellung in Griechenland zu verschaffen, obwohl die Griechen für die Makedonier nicht viel übrig hatten. Vermutlich heiratete Philipp II. aus politischen Gründen mehrere Frauen. Und eben das schürte den Hass der stolzen und herrschsüchtigen Olympias. Wer von beiden, Philipp oder Olympias den stärkeren Einfluss auf Alexander ausübte, lässt sich kaum sagen. Der Einfluss seines Lehrers, niemand geringerem als Aristoteles, prägte ihn offenbar wenig. Denn für Besonnenheit, der Tugend, die dem großen Aristoteles besonders wichtig war, hatte Alexander der Große, Sohn des Zeus, Eroberer Ägyptens, Persiens und Indiens rein gar nichts übrig.

Doch nicht nur Aristoteles, auch ein anderer bedeutender Philosoph stand mit Alexander in Verbindung, zumindest historisch: Unter den Soldaten seines Heeres befand sich Pyrrhon von Elis (362 – ca. 270 v.C.), dem Gründer der Schule der Skeptiker. Pyrrhon war berühmt für seinen unerschütterlichen Gleichmut angesichts der Gewalt und Grausamkeit, die die Feldzüge Alexanders verursachten. Macht, Herrschaft, Untergang, Krieg oder Elend berührten in nicht. Er enthielt sich kategorisch allen Urteilens. Im Altgriechischen gibt es für dieses Verhalten ein eigenes Wort, ‚epoché‘.

Wie kam Pyrrhon zu dieser radikalen Ansicht? Er behauptete, dass sich jedes Urteil bestreiten lässt und infolge dessen jede von Menschen behauptete Wahrheit, auch diejenige, die eigene göttliche Person betreffen, näherer Prüfung und Untersuchung nicht standhielt. Das griechische Wort für ‚prüfen‘ bzw. ‚untersuchen‘ heißt ‚skeptomai‘; davon leitet sich ‚Skepsis‘ ab. Mit dem, was wir mit ‚zweifeln‘ gemeinhin meinen, hat das nur in geringem Maße zu tun. Die Skeptiker folgerten daraus, man solle sich jedes Behauptens enthalten und stets Zurückhaltung üben. Glück, genauer Unerschütterlichkeit (griech. ‚ataraxie‘) erreicht derjenige, der sich in diese Lebenshaltung einübte.

Mit Gleichgültigkeit oder fehlendem Mitgefühl hat dies nichts zu tun. Ebenso wenig wie Skepsis Zweifel bedeutet. Es geht um die Einsicht, dass niemand eine abschließende Antwort auf die Frage nach gut und richtig, falsch und böse finden kann. Es ging den Skeptikern also um die Grenze unseres Verstehens, sowohl des intellektuellen wie moralischen. 

Der Philosoph Sextus Empiricus (2. Jhd. n.C.), ein Arzt aus Alexandria, sammelte die skeptischen Erkenntnisse und ordnete sie. Er spitzte die pyrrhonische Ansicht noch weiter zu, indem er sagte, dass es zu jeder Behauptung eine gleichstarke Gegenbehauptung gäbe und sich letztlich beide gegenseitig aufhöben. Konsequent vertrat er daher die Überzeugung, dass sich nicht ausmachen lässt, göttliches Geschick sei verantwortlich für das, was sich auf der Welt ereigne.

An dieser Auffassung hatte man später im Mittelalter wenig Freude, weshalb die Skeptiker beinahe in Vergessenheit gerieten. In der beginnenden Neuzeit jedoch, also zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert griff man die vorchristlichen Gedanken wieder auf. Denn der Versuch der christlichen Theologen, Glauben, Wissenschaft und Philosophie auf einen Nenner zu bringen, war nicht gelungen. Man versuchte, indem man an die alten Denker anknüpfte (und damit auch an die skeptischen) neue Antworten zu finden. Renaissance, die Wiedergeburt der Antike nennt man diese Epoche am Ende des Mittelalters.

Die Skeptiker waren also mitbeteiligt an der Geburt der Moderne. Aber auch heute in der sogenannten „Postmoderne“  täte man gut daran, ihnen wieder Gehör zu schenken.  Gemeint sind nicht selbsternannte Skeptiker wie Querdenker und Konsorten. Denn für sie ist es unmöglich, sich in ‚epoché‘ zu üben. Für alle anderen führte diese skeptische Disziplin jedoch zu größerer Gelassenheit. 

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